Stuart Parkin erhält Humboldt-Professur

Aktuelle Nanoforschung „made“ in Halle

Rund zwei Jahre sind es her, dass Prof. Stuart Parkin zum Direktor des Max-Planck-Instituts für Mikrostrukturphysik in Halle ernannt und auf eine „Alexander von Humboldt-Professur“ am Institut für Physik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen wurde.

Im Gespräch mit „Report INVEST“ blickt er zurück auf die ersten beiden Jahre, erzählt von aktuellen Projekten und wie er sich die Zukunft am Forschungsstandort Halle vorstellt.

Vision des Aufbruchs Das Büro von Prof. Stuart Parkin im Max-Planck-Institut wirkt farbenfroh und klar strukturiert. Die breite Fensterfront zeigt ins Grüne. Der Schreibtisch für einen Mann mit seinen Aufgaben durchaus aufgeräumt. Der Wissenschaftler Jahrgang 1955 reicht freundlich und entschlossen die Hand zur Begrüßung, setzt sich an den Konferenztisch und bittet sogleich um die erste Frage. Zeit nutzlos verstreichen zu lassen, scheint seine Sache nicht.

Parkin erläutert: „das Institut befindet sich in einer Neuorientierungsphase. Unser neues Konzept sieht ein thematisch stärker integriertes Institut vor. Bisher hatte das Max-Planck-Institut Halle verschiedene Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Aber in Zukunft, so hoffe ich, werden wir ein Institut haben, dessen Abteilungen sich ergänzen und gemeinsam arbeiten und dadurch größere Herausforderungen angehen können. Wir brauchen noch mehr Zusammenarbeit mit Universitäten, internationalen Partnern in Wissenschaft und Industrie.“

Ein Glücksfall für Halle Dass der britische Spitzenforscher nun ausgerechnet im mitteldeutschen Halle an der Saale lebt und forscht, erklärt sich vielleicht erst auf den zweiten Blick, da er mit der renommierten deutschen Materialwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Felser verheiratet ist. Parkin arbeitete lange Zeit für das Forschungszentrum von IBM in San Jose, im sonnigen Kalifornien, wo er bahnbrechende Konzepte zur intelligenten Speicherung von Daten entwickelt hat. Die Liste seiner Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden ist beachtlich. Aber das ist es sicher nicht, was den Wissenschaftler antreibt. Parkin sagt: „Die Max-Planck-Gesellschaft ist zwar ausgerichtet auf die Grundlagenforschung, aber gleichzeitig ist mir die Überführung innovativer Ideen in Anwendungen ebenso wichtig. In einem Zeitrahmen von 5 bis 10 Jahren sollen Anwendungen entwickelt werden, die einen Nutzen für die Gesellschaft haben. Das ist mein Ziel für den Standort Halle.“

Das Max-Planck-Institut Halle, erzählt er weiter, ist berühmt für seine Arbeiten in der Elektronenmikroskopie. Diese Technik ist von zentraler Bedeutung in verschiedenen Projekten von Parkin, z.B. bei der Untersuchung von atomar dünnen Schichten mit neuartigen Eigenschaften, wie sie in der Natur nicht vorkommen.

PAPAYA und Humboldt „Wir haben ein innovatives Mehrkammer-Beschichtungssystem (PAPAYA) entwickelt. Hier können wir künstlich geschichtete Lagen von Atomen präparieren, die so in der Natur nicht vorkommen und vollkommen neuartige Eigenschaften besitzen.

Innerhalb von nur einem Jahr haben wir gezeigt, dass wir diese maßgeschneiderten Schichten erzeugen können. Des Weiteren haben wir ein hochspezialisiertes Raster-Tunnel-Mikroskop integriert, mit dem wir die Schichten mit der Dicke eines Atoms charakterisieren können,“ erzählt Prof. Parkin. Ein weiteres System dient der Präparation von neuen Materialien, z.B. für Supraleiter. Diese sollen auch bei Raumtemperatur und nicht wie bisher, nur bei tiefen Temperaturen funktionieren.

Mit Deutschlands höchst dotiertem internationalen Forschungspreis, der Alexander-von-Humboldt-Professur kam nicht nur ein herausragender Wissenschaftler nach Halle, sondern auch eine Förderung von 5 Millionen Euro über 5 Jahre. Diese Förderung ist am Max-Planck-Institut in der Saalestadt und bei Prof. Parkin gut angelegt: „Mit der Humboldt-Professur konnte ich das ‚Internationale Zentrum für Nano-Systeme‘ (ICNS) aufbauen. Es soll herausragenden Wissenschaftlern, Doktoranden und Studenten die Möglichkeit geben, das einzigartige wissenschaftliche Umfeld am Max-Planck-Institut Halle und am Forschungsstandort Halle zu nutzen, um gemeinsam an den herausragenden Fragestellungen in der Nanotechnologie zu arbeiten. In diesen Tagen braucht man einfach die Besten, um wettbewerbsfähig zu sein und dazu gehört ebenso die enge Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene. Wir wollen hier Grundlagenforschung betreiben, um an die Grenze zu völlig neuem Wissen zu gelangen und gleichzeitig einen Blick darauf werfen, wie wir dieses neue Wissen und die Entdeckungen in praktische Anwendungen und Technologien für die Wirtschaft und die Gesellschaft übersetzen können.

Allein war gestern So verwundet es nicht, dass der Spitzenforscher das „Wir“ nicht nur in seinen Gesprächen, sondern auch in seiner Arbeit lebt. „Das schafft heute niemand mehr alleine, keine Stadt, keine Region und auch kein Land.“ Befragt nach letzterem spricht er von einer bemerkenswerten Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt. „Wir nutzen die Fördermittel gerade, um die bereits beschriebenen Schichtdepositions-Systeme zu realisieren und um weitere apparative Ausstattung anzuschaffen.“ In den Gesprächen, die er mit Vertretern von Stadt und Land geführt hat, ist immer wieder klar geworden, wie sehr man am Technologietransfer interessiert ist.

„Wir werden diese Verbindung mit der Stadt Halle und auch dem Land Sachsen-Anhalt auf dem Gebiet der Nanotechnologie weiter ausbauen. Innovationen sind der Motor der gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Ende des Jahres geht die „International Max-Planck-Research School“ an den Start. Sie soll die besten Absolventen, Doktoranden und jungen Forscher nach Halle locken, um uns bei der Stärkung und Sichtbarkeit des Standortes zu unterstützen. Das ist ein strukturiertes Promotionsprogramm mit einer Laufzeit von sechs Jahren.“

Selbst wenn man den Spitzenforscher nach seiner digitalen Zukunft fragt, spiegelt sich eine gewisse Form von Gemeinsinn wider. Prof. Parkin ist sich sicher, dass vor allem der Zugang zu Wissen sich verändern wird, wobei die Unmengen an Daten noch intelligenter verarbeitet und vernetzt werden müssen: „Nehmen sie das Beispiel Wissenschaft. Fast alle wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen sind digital verfügbar und für jeden zugänglich. Somit können andere von den Erfahrungen und Erkenntnissen schneller profitieren und dies beschleunigt wissenschaftliche Erkenntnisse.“

Apropos schneller Ein kurzer Blick von Prof. Parkin signalisiert sein Erstaunen, dass er alle Fragen in der Hälfte der geplanten Interview-Zeit beantwortet hat. Dann erzählt er von seiner Ehefrau, die als Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden arbeitet, dass er sich ein Haus in Halle baut, weil er den perfekten Architekten für seine Ideen gefunden hat und dass er sich in Halle willkommen fühlt.

„Ok? That‘s good!“ bedankt er sich, reicht die Hand zur Verabschiedung und geht ohne Umschweife wieder an die Arbeit.

Interview: Alexander Greiner


Publiziert am 25.7.2016